Ettlinger Rotbuche

Ettlinger Rotbuche. Installation Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen, Holz, Metallplättchen, Draht. ca 180 x 150cm. November 2016
Eine Rotbuche wurde vor Ort gefällt und zerlegt. Anschließend wurden die Teile durchnummeriert und mit einem Zapfen- und Schlitzsystem versehen so dass der Baum wieder zusammengesteckt werden kann.

Detail, Nummerierung der Rotbuche.

 

Ausstellung „Ohne Zucker“ November 2016, Kunstverein Wilhelmshöhe Ettlingen. Text: Nicola Höllwarth

Der Baukasten ist wohl das klarste und daher eindringlichste Symbol menschlichen Schaffensdrangs – das Gestalten der Welt nach seinen Vorstellungen. Im weitesten Sinne nennt man das wohl Kultur (1). Aber man wird das Gefühl nicht los, dass das Bändigen der Natur, das dieses Gestalten mit sich bringt, mit einem gewissen Drang zur Dominanz belastet ist. Sabine Fesslers Arbeiten sind nicht kulturpessimistisch; und doch beinhalten sie eine darin thematisierte Naturbeherrschung (2). Allerdings lässt Sabine Fessler das ambivalente Verhältnis des Menschen zur Natur bewusst ohne jegliche Konnotation.
 An den menschlichen Spiel- und Schaffensdrang appellierend lockt ihre Arbeit Ettlinger Rotbuche durch die Nummerierungen und sorgfältig geschnitzten Steckverbindungen, einen Baum zu rekonstruieren. Gleichzeitig führt hier das Baukastenprinzip ein menschliches Verhältnis zur Naturbeherrschung ad absurdum: Die Rotbuche wird gebändigt – das heißt vor Ort gefällt, zerlegt, geordnet und technisiert – nur, damit sie spielend leicht zu ihrer ursprünglichen Form zurückfinden kann. Ob der Baum (die Natur) den Menschen (die Vernunft) braucht, oder ob es eher der Mensch ist, der den Baum braucht, um so seine Vernunft unter Beweis zu stellen, wird aber letztendlich nicht beantwortet.
 Denn es sind eher die Spuren, die diese Vernunft hinterlässt oder hinterlassen möchte, welche in Sabine Fesslers Arbeiten augenscheinlich werden: Manchmal hinterlassen sie dann tatsächliche Spuren, wie das platt gedrückte Gras nach zweiwöchiger Zeltzivilisation; manchmal sind sie Zeichen menschlicher Existenz, wie eine wunderbar schwungvoll zusammengeklappte Matratze; manchmal berichten sie von ganz privaten Räumen, wie die eigenen in Gips gegossenen Hosentaschen oder der in Glas geblasene Freiraum für den eigenen Körper in einem acht Quadratmeter großen Zimmer. Immer aber deuten diese Spuren in Sabine Fesslers Arbeiten auf eine Ursprünglichkeit hin, die es weder nostalgisch zu betrauern noch himmelhochjauchzend zu preisen, aber eben auch nicht listig zu beherrschen gilt.

(1) Im Gegensatz zur Kultur und Technik wurde die Natur seit der Antike als dasjenige definiert, was unabhängig vom Eingreifen des Menschen ist. Vgl. Jürgen Mittelstrauß, „Das Wirken der Natur: Materialien zur Geschichte des Naturbegriffs“, in: Naturverständnis und Naturbeherrschung: Philosophiegeschichtliche Entwicklung und gegenwärtiger Kontext, hrsg. von Friedrich Rapp, München 1981, S. 37.
(2) Ein besonders eindringliches Beispiel davon ist Max Horkheimer und Theodor W. Adornos Analyse der Odyssee, deren Held eben nur durch List die Natur zu beherrschen und deshalb in ihr zu überleben vermag. Vgl. Max Horkheimer